Netzwerk gegen Gezerre ums Kind

COCHEM. Das "Cochemer Modell" ist Justizminister Heinz Georg Bamberger (59), nicht unbekannt. Schon als Präsident des Oberlandesgerichtes (OLG) in Koblenz hat er sich mit dem ungewöhnlichen Projekt von Cochem-Zeller Richtern, Anwälten, Sozialarbeitern und Familientherapeuten befasst. Jetzt kam er auf Einladung von MdL Heike Raab (SPD) nach Cochem, um über die Zukunft der interdisziplinären Arbeit zu sprechen. Denn noch ist diese alternative Form, Streitfälle im Kindschaftsrecht zu lösen, freiwillig und nicht gesetzlich verankert. Doch das soll sich ändern - möglichst bundesweit.

Verändern - so die Botschaft des Arbeitskreises - muss sich zunächst etwas auf Landesebene. So wie sich die Cochem-Zeller in Kindschaftsstreitigkeiten kreisweit vernetzt haben, muss das auch zwischen den Ministerien geschehen. "Sie müssen kooperieren und die entsprechende Fortbildung der Professionen organisieren", forderte Manfred Lengowski vom Jugendamt. Denn das vernetzte Denken und Arbeiten, wie es im "Cochemer Modell" geübt und gepflegt wird, geschieht bisher auf ehrenamtlicher Basis - und das seit 1993.

Was heißt das in der Praxis? Für einen Rechtsanwalt, der eine Mandantin im Umgangsrecht beraten soll, ist es hilfreich, etwas über Kinderpsychologie zu wissen. "Das verändert den Blickwinkel ungemein", sagte Rechtsanwalt Bernhard Theisen. Denn Kinder leiden nachhaltig, wenn der gesetzlich verankerte Umgang mit einem Elternteil behindert oder gar verhindert wird. Ausnahmen gelten, wenn Gewalt und Missbrauch im Spiel waren. Im "Cochemer Modell" beschränken sich die Rechtsanwälte freiwillig: Sie verzichten auf konfliktverschärfende Schriftsätze und betrachten das Verfahren, wie im übrigen die Familienrichter auch, aus Sicht des Kindes. Das heißt: Über die Kinder kann nicht das Gericht entscheiden, sondern die Eltern müssen sich einigen. Um dazu eine Basis zu schaffen, verweisen die Rechtsanwälte, die meist erster Ansprechpartner bei Trennung und Scheidung sind, auf Jugendamt und Lebensberatung. "Binnen 14 Tagen gibt es einen Termin", sagt Rechtsanwalt Murat Aydin.

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 Auf Einladung von MdL Heike Raab kam Justizminister Heinz Georg Bamberger, seit Mai im Amt, in die Kreisstadt, um über das "Cochemer Modell" zu sprechen. Foto: Birgit Pielen

Der Wille zum Konsens wird von allen Seiten unterstützt - mit Erfolg. "80 Prozent der Streitigkeiten im Kindschaftsrecht werden außergerichtlich geregelt", sagt Aydin. Bei seinen Kollegen im "Cochemer Modell" sind die Zahlen ähnlich.

Und noch einen Erfolg gibt es: Laut Klaus Fischer von der Lebensberatung hat die Zahl der Kinder mit "verfestigten Verhaltensauffälligkeiten" seit dem "Cochemer Modell" signifikant abgenommen. Fischer: "Hier geht es auch um sozialpolitische Folgekosten!" Doch um dieses Modell auf Land oder sogar Bund übertragen zu können, bedarf es gleicher Ausbildungs- und Wissensstandards. Dafür sind die Ministerien zuständig.

Heinz Georg Bamberger war sichtlich beeindruckt von den Appellen der Cochem-Zeller. "Es gibt nicht viele Dinge, die in der Justiz revolutionär sind", sagte er, "doch hier ist etwas Neues geschehen." Dieses Neue ist, wie Familienrichter Jürgen Rudolph es ausdrückte, vor allem "eine Sache des Kopfes". Erst dann können Verordnungen und Gesetze entsprechend geändert werden.

   Birgit Pielen

Rhein-Zeitung - Ausgabe Mittelmosel vom 06.10.2006, Seite 15.