Minister lobt „Cochemer Praxis"

COCHEM. Der rheinland-pfälzische Justizminister Heinz Georg Bamberger wirbt unermüdlich für die „Cochemer Praxis". Er kann sie zwar keiner Gerichtsbarkeit vorschreiben, sagt aber deutlich: „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für die moderne Justiz unverzichtbar." Bei dem Modell, Anfang der 90er-Jahre in Cochem entwickelt, geht es darum, bei gerichtlichen Auseinandersetzungen der Eltern die Sichtweise des Kindes in den Mittelpunkt zu rücken: Parteiisch sein im Sinne des Kindes, neutral gegenüber den Eltern. Bamberger traf sich zu einem Austausch im Amtsgericht Cochem mit Direktorin Maya Darscheid, Richtern, Anwälten und Familienberatern. Die Rhein-Zeitung fasst wichtige Erkenntnisse zusammen.

Welches Bild haben Kinder von einer Familie?

Kinder wünschen sich eine komplette Familie – mit Vater und Mutter. Wenn die Familie zerbricht, darf kein Elternteil verlorengehen. Die leiblichen Eltern können von niemandem ersetzt werden, auch wenn Vater und Mutter neue Partner haben und sich die Kinder mit ihnen gut verstehen, vielleicht sogar in einem gemeinsamen Haushalt leben.

Verschmerzen Kinder eine schlechte Beziehung der Eltern besser als Trennung?

Nein. Eine neue Studie der Universität München besagt: Kinder leiden immer dann, wenn sich die Eltern permanent streiten – ob in der Beziehung oder nach der Trennung. Wenn Kinder jedoch spüren, dass die Eltern nach der Trennung unkompliziert miteinander umgehen, vermeidet das seelische Belastungen.

Was löst eine Trennung der Eltern bei Kindern aus?

In den ersten drei Jahren erleben die Kinder eine Akutbelastung. Wird der Konflikt der Eltern über die Kinder dann weiter fortgesetzt, kann das zu starken psychischen (Langzeit-)Schäden führen. Den Kindern tut es gut, wenn die Eltern einen entspannten Umgang miteinander pflegen. Entscheidend, um das Kind zu entlasten, ist also die Qualität der Elternbeziehung.

Warum ist es so schwer, eine gute Elternbeziehung nach der Trennung zu pflegen?

Nach einer Trennung sind beide Elternteile wütend, verletzt, aggressiv, enttäuscht. Da hilft es nichts, in der Beratung zu sagen: „Denken Sie an ihr Kind" oder „Sie haben sich doch mal geliebt." Die Partner sind zu sehr in Konfrontation und gehen mit einer „Vernichtungsstrategie" in die Beratung. Diese Einstellung gilt es aufzubrechen, um die wahren Interessen und Bedürfnisse offenzulegen. Sonst bleiben die Kinder immer ein Spielball der Elternprobleme.

Hat sich die „Cochemer Praxis" bewährt?

Ja, denn die Eltern brauchen ein Helfersystem. Gleichzeitig sind sie zwar in diesem System gefangen, aber sie verändern mit der Zeit ihre Einstellung. Dennoch muss kritisch hinterfragt werden: Wie viel Zwang zur Beratung ist notwendig? Was kann man vor allem Elternteilen, die Gewalt in der Beziehung erlebt haben, zumuten? Ein Gerichtsverfahren dauert durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht nur zwei oder drei Monate, sondern mitunter wesentlich länger.

Birgit Pielen

RZ Mittelmosel vom Donnerstag, 20. Mai 2010, Seite 15