Dokumentation einer Fachtagung

Dokumentation einer Fachtagung

Vernetzung der Professionen: Das "Cochemer Modell"

10 Jahre Schlichtungspraxis im Familienkonflik

 

Sein 10jähriges Jubiläum feierte der Arbeitskreis "Trennung und Scheidung" im Landkreis Cochem-Zell1im Rahmen einer Fachtagung am 17. Oktober 2002 in dem historischen Ambiente der Reichsburg Cochem.

Eingeladen waren RechtsanwältInnen, MitarbeiterInnen von Jugendämtern und Beratungsstellen sowie FamilienrichterInnen und psychologische Sachverständige aus ganz Rheinland-Pfalz. Ebenso geladen waren landespolitische VertreterInnen. Weit über 100 TeilnehmerInnen folgten der Einladung und fanden ein spannendes und abwechslungsreiches Tagungsprogramm vor. Tagungsraum für die Plenumsveranstaltungen waren der Rittersaal, für die einzelnen Arbeitsgruppen am Nachmittag die historischen und original eingerichteten Burgzimmer.

Jürgen Rudolph, Familienrichter am Amtsgericht Cochem und Herbert Hilken, Bürgermeister der Stadt Cochem hießen die TeilnehmerInnen auf der Reichsburg willkommen. Sodann übernahm Doris Ruch, Journalistin bei der Rhein-Zeitung die Moderation und führte mit sehr persönlichen Noten in die Thematik der Trennung und Scheidung ein.

Ministerialdirigent Wolfgang Glöckner vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit Rheinland-Pfalz (MAASFG) stellte die Ergebnisse aus der Anhörung der SPD-Landtagsfraktion zum Thema "Neue Wege in der Familienpolitik - Eltern-und Kinderrechte stärken" im Juni 2002 dar, bei der der Arbeitskreis Trennung und Scheidung (AKTS) Cochem sein interdisziplinäres Schlichtungsmodell präsentiert hatte. Herr Glöckner berichtete, dass auf ministerieller Ebene initiiert werden solle, in allen rheinland-pfälzischen Jugendamtsbezirken Arbeitskreise in Anlehnung an das Cochemer-Modell zu etablieren und die interprofessionelle Zusammenarbeit bei der Umsetzung des Kindschaftsrechts zu verbessern. Dazu seien folgende Maßnahmen geplant: Zunächst eine Bestandsaufnahme zur interdisziplinären Vernetzung in allen rheinland-pfälzischen Jugendamtsbezirken, gefolgt von einer landesweiten Fachtagung unter Regie des Justizministeriums, des MASFG und des Landesjugendamtes. Bei dieser Fachtagung solle vom Arbeitskreis eine Handreichung zur praxisnahen Umsetzung des Cochemer Modells präsentiert werden.2 Geplant sei ebenfalls eine Tagungsdokumentation. Weitere Maßnahmen seien die Beteiligung an einem vom BMFSJ initiierten Forschungsprojekt zur Umsetzung des Kindschaftsrechts und entsprechende Fortbildungsangebote zur interdisziplinären Zusammenarbeit im Familienkonflikt im Sozialpädagogischen Fortbildungszentrum (SPFZ) in Mainz.

 

1DieTätigkeit des Arbeitskreises bis 1998 ist dokumentiert in Füchsle-Voigt, T., Arbeitskreis "Trennung und Scheidung" im Landkreis Cochem-Zell - Ein Praxisbericht. Konsens. Zeitschrift für Mediation, 2, 1998, S. 126-127.

2 Die Handreichung wurde bei der landesweiten Fachtagung im Februar 2003 als Entwurf vorgestellt. Die Tagungsdokumentation ist in Vorbereitung.

Im Mittelpunkt des weiteren Vormittagsprogramms stand sodann das Podium "Schlichtungspraxis im Familienkonflikt", bei dem das Cochemer Modell durch Vertreter des Arbeitskreises vorgestellt wurde.

Traudl Füchsle-Voigt, psychologische Sachverständige und Hochschulprofessorin gab zunächst einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Arbeitskreises, die sie in 3 Phasen gliederte. Beginnend mit ersten Kontaktaufnahmen zwischen den Professionen im Jahr 1992 über die Entwicklung eines gemeinsamen Arbeitskonzeptes im Familienkonflikt, das die zweite Phase kennzeichnet bis zur Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit und Anstreben einer Landeskonferenz auf landespolitischer Ebene skizzierte sie den Weg des Arbeitskreises.

Sodann stellte Manfred Lengowski, Dipl. Soz.Arb., die Arbeitsweise des Jugendamtes im Rahmen des interdisziplinären Arbeitskonzeptes dar. Er hob dabei hervor, dass durch den gleichwertigen interdisziplinären Austausch die Tätigkeit des Jugendamtes aufgewertet, ähnlich einer Supervision stetig korrigiert und dadurch qualitativ erheblich gesteigert werde. Nicht nur höhere Zufriedenheit bei den Betroffenen, sondern auch geringere Folgekosten im Hinblick auf die Leistungen der Sozial- und Jugendhilfe und letztlich auch eine verbesserte Motivation der Mitarbeiter im Jugendamt durch frühzeitige und effektive Beratungsarbeit seien Beispiele für den Erfolg dieses Arbeitsmodells.

Bernhard Theisen, Fachanwalt für Familienrecht, ging sodann ausführlich auf die Vorteile eines Arbeitsbündnisses der Konfliktschlichtung aus anwaltlicher Sicht ein. Anschaulich schilderte er, dass durch die Tatsache, dass alle Anwälte im Landkreis Cochem-Zell dem Arbeitskreis angehörten und sich diesem Arbeitsbündnis verschrieben hätten, Ergebnisse erzielt würden, mit denen jeweils beide Parteien "leben" könnten. Dabei betonte er auch, dass es im Arbeitskreis intensive Diskussionen unter den Anwälten über ihr Rollenverständnis gegeben habe bzw. darüber, welche Interessen der Anwalt im Kindschaftsrechtsverfahren vertreten müsse. Als wesentliche Erfolge fasste er eine Versachlichung der kindschaftsrechtlichen Verfahren, eine größere Zufriedenheit der Mandanten und eine Arbeitsersparnis für die Anwaltschaft zusammen.

Jürgen Rudolph, Familienrichter, schilderte das Arbeitskonzept der gerichtsnahen Beratung als "verordnete Kooperation im Familienkonflikt" und legte entsprechende Erfolgsquoten vor, die sich z.B. darin niederschlagen, dass es zwischen 1996 und 1999 im Familiengerichtsbezirk Cochem zum Sorgerecht und zum Umgangsrecht keine einzige streitige Entscheidung gegeben habe.

Klaus Fischer, Dipl. Psychologe erläuterte die Perspektive der Beratungsstelle hinsichtlich ihrer Einbindung in die gerichtsnahe Beratung im Rahmen des interdisziplinären Arbeitskreises. Er berichtete, dass durch die gerichtlich angeordnete Inanspruchnahme der Angebote der Beratungsstelle hochstrittige Elternpaare spätestens nach 2 Jahren in der Lage seien, eigenverantwortlich den Umgang mit dem gemeinsamen Kind zu gestalten.

Schließlich focussierte Traudl Füchsle-Voigt die Tätigkeit der Sachverständigen im Familienkonflikt als lösungsorientierte und mediative Aufgabe und widersprach damit eindeutig dem klassischen Selbstverständnis des Gutachters als Lieferant gerichtlicher Entscheidungsvorlagen.

Bevor das Nachmittagsprogramm mit verschiedenen thematischen Arbeitsgruppen startete, hatten die Tagungsgäste Gelegenheit zur Teilnahme an einer sehr kurzweilig gestalteten Führung durch die historischen Burgräume und zum Mittagessen im Ritterkeller.

Zum Rahmenprogramm gehörten weiterhin eine Ausstellung von Philipp Heinisch, Berliner Zeichner und Graphiker sowie ehemaliger Anwalt und Strafverteidiger, mit tiefgründigen Karikaturen aus der Justiz. Zum Nachdenken regten auch die von Traudl Füchsle-Voigt präsentierten Zeichnungen von Trennungs- und Scheidungskindern an, die im Laufe ihrer familienrechtlicher Begutachtungstätigkeit entstanden sind.

Ab 14 Uhr begannen die Arbeitsgruppen, die folgenden Themenbereichen zugeordnet waren:

1. Vernetztes Arbeiten trotz Schweigepflicht (Moderation: Klaus Fischer, Beratungstelle)

2. Kooperation und Trennungs- und Scheidungsberatung (§§17 und 50 SGB VIII (Moderation: Manfred Lengowski, Jugendamt)

3. Streittreiber oder Streitschlichter (Moderation: Bernhard Theisen, Anwaltschaft)

4. Intervention oder Diagnostik (Moderation: Traudl Füchsle-Voigt, Sachverständige)

5. Entscheidung oder Schlichtung (Moderation: Jürgen Rudolph, Familiengericht)

Die Arbeitsgruppen fanden regen Zuspruch und waren gekennzeichnet durch sehr kontroverse Diskussionen, die einerseits großen Informationsbedarf und andererseits den unterschiedlichen Stand und die Variationsbreite des Herangehens zum vernetzten Arbeiten im Familienkonflikt deutlich machten.

Auch wenn im anschließenden Plenum, bei dem die Arbeitsgruppenergebnisse präsentiert wurden, gegensätzliche Standpunkte und Ansätze aufrechterhalten wurden, war ein sich andeutender Paradigmenwechsel hin zur interdisziplinär vernetzten Konfliktschlichtung unverkennbar.

 

3 Ausführliche Ergebnisse der Arbeitsgruppen sowie weitere Tagungsmaterialien sind abrufbar bei: e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. sowie im Internet:

http://www.Integrierte-Mediation.de/Landeskonferenz. Hier ist auch die Beteiligung des AKTS an dem Internetportal "PORTAFAMILIA.de" dokumentiert, das im Dezember 2002 bei dem von der Landesregierung Rheinland-Pfalz ausgeschriebenen Multimedia Wettbewerb den ersten Platz belegte. PORTAFAMILIA.de stellt u.a. eine virtuelle Kommunikationsplattform für Arbeitskreise im Familienkonflikt dar.

Prof. Dr. Traudl Füchsle-Voigt

Fachhochschule Koblenz

Fachbereich Sozialwesen

Finkenherd 4

56075 Koblenz

e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

Gründung einer Landeskonferenz Trennung und Scheidung in Rheinland-Pfalz
am 09.10.2003 auf der Reichsburg in Cochem.

Traudl Füchsle-Voigt

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  • Am 9. Oktober 2003 fand auf der Reichsburg in Cochem die konstituierende Sitzung der Landeskonferenz-Trennung-Scheidung (LKTS) in Rheinland-Pfalz statt.

    Eingeladen hatte der Arbeitskreis Cochem-Zell, der genau vor einem Jahr hier sein 10jähriges Jubiläum gefeiert hatte (s. Bericht in mediations-report, 4, 2003).

    Der Einladung gefolgt waren VertreterInnen von 15 bereits existierenden sowie weitere von im Aufbau begriffenen Arbeitskreisen, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Familienkonflikt auf Landesebene zu etablieren und ein eigenes Profil zu entwickeln. Unterstützt wurden sie dabei von der Landesregierung durch Ministerialdirigent Wolfgang Glöckner sowie vom Präsidenten des OLG Koblenz, Dr. Bamberger.

    Am Vormittag stand der Erfahrungsaustausch über Probleme und Erfolge der Vernetzung im Mittelpunkt, wobei wertvolle Anregungen zur verbesserten Zusammenarbeit dikutiert wurden.

    Deutlich wurde hierbei aber auch, dass vor allem die Einbindung der juristischen Professionen in die Arbeitskreise weiter vorangetrieben werden muss.

    Am Nachmittag wurden in 2 Arbeitsgruppen zukünftige Inhalte und Ziele sowie Organisations- und Präsentationsformen der Landeskonferenz besprochen.

    Im abschließenden Plenum konnten folgende Ergebnisse zusammengetragen werden:

    1. Die LKTS stellt einen Zusammenschluss der regionalen Arbeitskreise dar mit der vorrangigen fachlichen Zielsetzung der Netzwerkbildung und der Bildung einer Plattform für Erfahrungs- und Informationsaustausch sowie für innovative Entwicklungen und Denkanstöße. Offen bleibt zunächst, inwieweit und in welcher Form die Landeskonferenz langfristig rechtlich-politischen Einfluss nehmen kann und bei der Entwicklung verbindlicher Richtlinien und Arbeitskonzepte zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung mitwirken wird.

    2. Die Geschäftstelle der LKTS verbleibt im AK Cochem-Zell mit den Ansprechpartnern Herr Rudolph (Familiengericht) und Herrn Lengowski (Jugendamt). Der Verein Integrierte Mediation e.V.2 wird logistische Unterstützung leisten.

    3. Einladungen zu den Tagungen der LKTS gehen an die von den regionalen Arbeitskreisen benannten VertreterInnen und an das jeweilige Jugendamt.

    4. Es werden 4 Treffen im Jahr anvisiert, wobei diese im Rotationsprinzip von den regionalen AK´s inhaltlich und organisatorisch vorbereitet und durchgeführt werden. Das nächste Treffen findet voraussichtlich im Februar 04 in Mainz statt. Vorgeschlagene Themen sind: Gegenseitige Akzeptanz der Professionen, Möglichkeiten der Informations- und Erfahrungsbündelung, Verbreitungswege einer deeskalierenden

    Streitkultur.

    5. Die LKTS nutzt das Angebot des Internetportals PORTAFAMILIA.de als virtuelle Kommunikationsplattform und administratives Instrument.

    Das Organisationsteam und die Tagungsteilnehmenden betonten abschließend, dass mit der Gründung der Landeskonferenz ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der Kindschaftsrechtsreform geleistet worden ist.

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    Weitere Informationen liefern:

    Dokumentation der Fachtagung des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Ministerium der Justiz "Umsetzung des Kindschaftsrechts-Vernetzung der Professionen" - Arbeitskreise Trennung und Scheidung. 2003.

    Füchsle-Voigt, T., 10 Jahre Schlichtungspraxis im Familienkonflikt. mediations-report 4, 2003.

    Anschrift der Autorin

    Prof. Dr. Traudl Füchsle-Voigt

    Fachhochschule Koblenz

    Fachbereich Sozialwesen

    Rheinau 3-4

    56075 Koblenz

    e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.