Eine Familie bleibt unauflöslich

"Kindeswohl muss als eine Komponente des gesamten Systems Familie begriffen werden, deren Bindungen sich nicht auflösen lassen", sagt die Psychologin und Sachverständige Katharina Behrend, Hauptrednerin auf der achten "Landeskonferenz Trennung und Scheidung" in Cochem.Foto: Jens Weber

Unter dem Thema "Kindeswohl im Netzwerk" haben sich Juristen, Psychologen und Mitarbeiter des Jugendamtes auf der Reichsburg zusammengefunden, um den Begriff Kindeswohl näher zu beleuchten.

Die "Landeskonferenz Trennung und Scheidung" wurde vor fünf Jahren vom Cochemer Arbeitskreis "Trennung und Scheidung" ins Leben gerufen. Dieser setzt sich bei Scheidungsverfahren für mehr gemeinsame Elternverantwortung ein, indem er alle am Verfahren Beteiligte an einen Tisch holt und dabei nach dem Grundsatz "mehr schlichten statt richten" arbeitet.

 

Kinder brauchen beide Eltern.
Da ist kein Platz für Machtspielchen
zwischen den Ex-Partnern. Das Kindeswohl
und nichts als das Kindeswohl
hat im Mittelpunkt zu stehen,
sagt die Expertin Katharina Behrend.

Dieses Konzept hat in familienrechtlichen Verfahren bundesweit unter dem Namen "Cochemer Modell" Schule gemacht. Zu verdanken ist dies auch der Gründung der "Landeskonferenz Trennung und Scheidung" im Jahr 2003 in Cochem. Jetzt kehrt sie zurück zu ihrem Gründungsort mit dem Ziel einer landesweiten Vernetzung aller regionalen Arbeitskreise.

Der rheinland-pfälzische Justizminister Georg Bamberger lobte in seinem Grußwort die Entwicklung des "Cochemer Modells" als "beispiellos", das sich trotz der Widerstände "konservativer Juristen" durchgesetzt habe. Vor allem stellte er das Engagement des Cochemer Familienrichters Jürgen Rudolph, dem geistigen Vater des "Cochemer Modells", heraus: "Es gab nur wenige Gedanken in der Vergangenheit, die eine solche Wirkung hatten und nur wenige, die politisch auch wirklich etwas gestaltet haben."

Kein Eltern-Gutachten mehr

Vor allem die Idee der lösungsorientierten Arbeit eines Sachverständigen hat viele Scheidungsverfahren im Land umgekrempelt. "Eltern werden nicht mehr begutachtet und als geeignet bewertet, sondern es wird an ihre Eigenverantwortung appelliert, die Beziehung zu ihren Kindern zu erhalten", erklärt Katharina Behrend. Die Zeiten der Eignungsdiagnose seien lange vorbei. Das müsse auch im Familienrecht endlich ankommen, so Behrend. Die Psychologin, die als Sachverständige aus einer TV-Dokumentation über Scheidungskinder bekannt ist, setzt sich bundesweit dafür ein, dass Familie als ein System von unauflöslichen Beziehungen begriffen wird und dass Kindeswohl damit eine Komponente dieses Systems ist. "Das müssen Eltern verstehen lernen, auch wenn das nach einer Trennung vom Partner schwer fällt", so Behrend. Ein Kind brauche immer beide Eltern. "Häufig", so Behrend, "freuen sich Kinder absurderweise auf den Scheidungstermin vor Gericht, weil sie da nach langer Zeit ihre Eltern wieder zusammen zu Gesicht bekommen."

In ihrer Arbeit greift Behrend immer die Lösung der Eltern auf, denn "die müssen das am Ende auch leben". Nur wenn sich Eltern partout nicht einigen können, spricht sie zu guter letzt eine Empfehlung aus und betont: "Wenn das geschieht, ist das für das geschiedene Paar eine absolute Bankrotterklärung als Eltern."

Bankrotterklärung als Eltern

An einem erfolgreichen Scheidungsverfahren sind aber auch Familienrichter und Anwälte beteiligt. Hier appellierte der Cochemer Rechtsanwalt Bernhard Theisen auf der Landeskonferenz an seine Kollegen, den Konflikt des Scheidungspaares nicht noch zu verschärfen. "Lange war es in der juristischen Praxis so, dass wer nicht kooperiert, am Ende mit dem Sorgerecht belohnt wird", so Behrend. "Viele Anwälte verstehen sich als reine Parteivertreter, dabei sind sie dem Recht verpflichtet und damit auch dem Kindeswohl."

Er plädiert darauf, dass sich seine Kollegen beim Thema Kindeswohl fortbilden: "Wie sich Bindungsverweigerung oder Umgangsboykott auf Kinder auswirkt, davon verstehen wir Juristen nichts."

   Andrea Wagenknecht